07.04.2026
Kirchen in Deutschland: Suche nach neuen Konzepten für Sakralgebäude

Berlin (epd). Es gibt sie als mächtige Kathedralen und unscheinbare Wegkapellen, als barocke Schmuckstücke und Betonklötze mit Lagerhallen-Charme: Rund 44.000 Kirchen prägen im Jahr 2026 in Deutschland das Bild von Städten und Dörfern. 

Seit 2015 sind allerdings bereits rund 1.000 Gotteshäuser umgenutzt, verkauft oder abgerissen worden, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) bei den 20 evangelischen Landeskirchen und 27 katholischen Bistümern ergeben hat. Dieser Trend wird sich aufgrund des Mitgliederschwunds und der rückläufigen Finanzmittel der Kirchen in den nächsten Jahren fortsetzen.

Bei den Protestanten liegt die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) mit 180 entwidmeten Kirchen und Gottesdiensträumen seit 2015 an der Spitze, gefolgt von der Landeskirche von Westfalen mit 120 Kirchen und Gemeindezentren. Wie in vielen anderen Bistümern und Landeskirchen auch läuft in der EKiR - die insgesamt noch 1.350 Kirchen auflistet - ein Prozess zur Gebäudebedarfsplanung. Man erwarte, dass dabei "zwischen 30 und 50 Prozent der kirchlichen Gebäude aus der kirchlichen Nutzung genommen werden", teilte ein Sprecher mit. Ähnliche Einschätzungen kommen von den anderen 42 Umfrage-Teilnehmern.

Ziel: Gute Nachnutzung und Erhalt der Gebäude

Spitzenreiter auf katholischer Seite ist das Bistum Essen, in dem - allerdings schon seit dem Jahr 2000 - 131 Kirchen aufgegeben wurden. Die Zahl fällt umso mehr ins Gewicht, als es den Angaben zufolge im Jahr 2000 nur rund 360 Kirchen und Kapellen im Bistumsgebiet gab. Mit größerem Abstand folgt dann das Bistum Trier, wo seit 2015 etwa 60 Gotteshäuser profaniert, also "weltlich gemacht" wurden. Eine solche Entwidmung bedeutet aber nicht gleich Verkauf oder Abriss: Generell werde in diesen Fällen "eine gute Nachnutzung und der Erhalt des Gebäudes angestrebt", teilte eine Sprecherin mit. Häufig handle es sich um soziale Konzepte wie Wohnungen oder Kitas.

Unkonventionelle Umnutzungen gibt es in den Bistümern Aachen und Hildesheim: Während in Aachen 13 Kirchen als Columbarien, also Begräbniskirchen für Urnenbestattungen, dienen, soll in Hildesheim künftig eine Kirche zur Sternwarte umgerüstet werden. Die Protestanten in Berlin-Brandenburg haben derweil eine Flüchtlings- und eine Hörspielkirche im Angebot, sowie die ehemalige Schlosskirche Cottbus, die heute eine Synagoge ist. Eine gern gesehene Kooperation ist die mit anderen christlichen Gemeinschaften: Allein die Landeskirche von Württemberg hat laut einem Sprecher vier Gotteshäuser an die armenische, koptische, mazedonisch- und griechisch-orthodoxe Kirche übergeben.

Eigenverantwortung mit oder ohne Quote

32 Kirchenverwaltungen gaben in ihren Antworten an, beim Thema Immobilienabbau auf eine Quote zu verzichten. Besonders zurückhaltend ist die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO: Kirchen gehörten grundsätzlich den Gemeinden und Kirchenkreisen und würden "nicht von der Landeskirche verwaltet oder betreut", heißt es. Das kirchliche Bauamt habe 2007 lediglich ein 2018 aktualisiertes Handout veröffentlicht, das den Gemeinden "eine Orientierungshilfe" im Umgang mit ihren Gebäuden geben solle.

Nicht jede Kirche in Sachsen-Anhalt kann erhalten werden

Magdeburg, Dessau-Roßlau (epd). Sinkende Einnahmen stellen die Kirchen in Sachsen-Anhalt vor Herausforderungen beim Erhalt von Kirchen, Pfarrhäusern und sonstigen Gebäuden. "Wir arbeiten an Gebäudekonzeptionen", heißt es von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) in Magdeburg. Dabei sollen die Kirchenkreise den Rahmen vorgeben, etwa zu inhaltlichen Schwerpunkten, während die Gemeinden als Eigentümerinnen über die Gebäude konkret entscheiden, sagte ein Sprecher. Ähnlich sei es auch in der Evangelischen Landeskirche Anhalts.

Laut der Sprecherin des katholischen Bistums Magdeburg, Anja Schlender, ist die Vermietung, Umnutzung und der Verkauf von Kirchenimmobilien seit Jahren Praxis im Bistum. So habe das Bistum in den zurückliegenden zehn Jahren in Sachsen-Anhalt 27 Kirchgebäude einer anderen Nutzung zugeführt oder ganz aufgegeben. Wobei der Verkauf die letzte Option sei, wenn gar nichts anderes mehr geht, sagte die Sprecherin.

Landesweit gibt es den Angaben zufolge derzeit 2.090 Kirchen und Kapellen, wovon mindestens 95 Prozent denkmalgeschützt sind. Ihr Erhalt oder eine Sanierung erforderten teils erhebliche Aufwendungen. Hinzu kämen rund 865 Pfarrhäuser sowie mehr als 500 sonstige Gebäude, wie Kindertagesstätten oder Schulgebäude.

Mancherorts werde überlegt, Kirchen oder Pfarrhäuser gemeinsam mit anderen Trägern in Begegnungsstätten umzuwandeln und so als Veranstaltungsort zu erhalten. Doch meistens gebe es bisher nur vage Ideen. Die Diskussionen seien bisweilen jedoch sehr emotional, so die EKM.


Seit 1990 nur eine Thüringer Kirche abgerissen

Erfurt (epd). In Thüringen sind seit 1990 nur wenige evangelische Kirchen aufgegeben worden. Nach Angaben des Landeskirchenamts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) wurden in den vergangenen 36 Jahren eine Kirche abgerissen und 17 zur Umnutzung verkauft. Hinzu kämen einzelne erweiterte Nutzungen etwa durch Kommunen oder Vereine, die sich jedoch nicht genau beziffern lassen.

Insgesamt umfasst der kirchliche Gebäudebestand im Freistaat laut der jüngsten Erhebung der EKM aus dem Jahr 2024 rund 3.240 Immobilien, darunter 1.911 Kirchen, Kapellen und Ruinen. Zudem verfügt die Kirche über 843 Gemeindezentren und teils ehemalige Pfarrhäuser sowie 460 weitere Gebäude etwa für Verwaltung, Archive, Schulen oder Kitas. Rund 98 Prozent der Kirchen stehen unter Denkmalschutz.

Parallel arbeitet die Landeskirche an langfristigen Immobilienkonzeptionen. Die Kirchenkreise setzten dabei inhaltliche Schwerpunkte und entscheiden über die Verteilung finanzieller Mittel, während die einzelnen Kirchengemeinden über die Zukunft ihrer Gebäude befinden, sagte eine Kirchensprecherin. Entscheidungen würden nicht isoliert vor Ort getroffen, sondern in größeren Gemeindebereichen abgestimmt. Viele Kirchenkreise verfügten bereits über entsprechende Konzepte, ein einheitliches Abschlussdatum gebe es aber nicht.

Die Prozesse gelten als langwierig und emotional. Fragen nach der Zukunft kirchlicher Gebäude berühren vielerorts Identität, Tradition und das Gemeindeleben, sagte die Sprecherin. Entscheidungen erforderten häufig intensive Aushandlungsprozesse.


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Ein Interview zum Thema hat der MDR mit Elke Bergt geführt, Leiterin des Baureferats der EKM: https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/gesellschaft/kirche-leerstand-sanierung-religion-kultur-tourismus-100.html