06.05.2026
Leipzig trauert nach Amokfahrt | Gedenkandacht mit 1.000 Menschen
Leipzig (epd). Nach der tödlichen Amokfahrt in der Leipziger Innenstadt ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft wegen Mordes und versuchten Mordes gegen einen 33-jährigen Mann.
Der mutmaßliche Täter war am Montagnachmittag mit überhöhter Geschwindigkeit in eine belebte Fußgängerzone gerast und hatte mehrere Passanten erfasst.
Wie die Polizeidirektion Leipzig am Dienstag mitteilte, starben bei dem Angriff eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann. Wie viele Menschen verletzt wurden, war auch einen Tag danach noch unklar. Die Polizei geht von etwa 80 Menschen aus, die direkt von der Amokfahrt betroffen sind. Der Autofahrer wurde noch am Tatort festgenommen. Am Dienstag sollte er dem Haftrichter vorgeführt werden.
Möglicherweise ist der mutmaßliche Täter psychisch erkrankt. Nach MDR-Informationen soll er erst kürzlich aus der Psychiatrie entlassen worden sein.
Gedenkandacht mit 1.000 Menschen
Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU) sprach von einem "Amoktäter". Nach Angaben der Polizei kam dieser vom Augustusplatz und raste etwa 500 Meter durch die Grimmaische Straße in Richtung Marktplatz. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Nach bisherigen Erkenntnissen werde nicht von einem politischen oder religiösen Motiv des Täters ausgegangen, hieß es.
Bei einer Gedenkandacht in der Leipziger Universitätskirche kamen am Dienstagsmittag mehr als 1.000 Menschen zusammen. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) wollte am Abend gemeinsam mit Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) an einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Nikolaikirche teilnehmen. Im Zentrum der Zusammenkunft sollte laut den christlichen Kirchen "das Bedürfnis stehen, dem kollektiven Erschrecken gemeinsam zu begegnen". Es gehe darum, den Betroffenen tiefe Solidarität und Mitgefühl zu zeigen.
Jung: Hilfe hat jetzt Priorität
Sachsens evangelischer Landesbischof Tobias Bilz erklärte: "Solche Taten treffen uns ins Mark, sie erschüttern unser Vertrauen in Sicherheit." Zugleich wachse in Momenten größten Leids oft "eine besondere Kraft der Solidarität". Der Leipziger Superintendent Sebastian Feydt sprach von "einer Welle des Mitgefühls und großen Mutes". Auch er appellierte, "gerade jetzt noch stärker zusammenzustehen, achtsam füreinander da zu sein, zu trösten und zu trauern".
Die Landesregierung hat zum Gedenken an die Opfer Trauerbeflaggung auf Halbmast für alle sächsischen Behörden und Dienststellen angeordnet. Oberbürgermeister Jung, der auch Präsident des Deutschen Städtetages ist, erklärte: "Wir sind fassungslos angesichts dieser entsetzlichen Gewalttat, die unsere Stadt ins Mark getroffen hat." Die Gedanken seien "bei den Opfern, bei ihren Angehörigen und bei allen Menschen, die unter dieser Tat leiden". Ihnen zu helfen und sie zu unterstützen, habe jetzt Priorität.
Dankbar sei er "in diesen schweren Stunden für den großen Zusammenhalt, den die Leipziger Stadtgesellschaft gleich nach der Tat gezeigt hat", sagte der SPD-Politiker. Er betonte: "Wir können die Innenstädte nicht zu Festungen umbauen." Die Stadtverwaltung Leipzig kündigte aber an, das Sicherheitskonzept an der Fußgängerzone zu überprüfen.
"Die Stille in der Stadt ist kaum auszuhalten"
Leipzig (epd). Das Absperrband flattert im leichten Luftzug, der durch die Grimmaische Straße zieht. Vor der benachbarten Universitätskirche liegen Blumen und Kerzen. Die Fassungslosigkeit ist mit Händen zu greifen. Leipzig sucht Halt, einen Tag nach der Amokfahrt mit zwei Todesopfern und etlichen Verletzten. Stille prägt die sonst so quirlige Fußgängerzone. Menschen suchen Umwege durch Passagen und kleine Gassen, um den an diesem Tag gesperrten Bereich umgehen zu können. Polizeiautos und Einsatzkräfte säumen die Absperrung.
Vom Augustusplatz aus war der Amokfahrer am Montagnachmittag mit einem Auto durch die belebte Fußgängerzone der Grimmaischen Straße gerast. Erst nach etwa 500 Metern kam er auf dem Marktplatz zum Stehen. Eine 63-jährige Frau und ein 77-jähriger Mann wurden getötet. Im Bereich des Thomaskirchhofs konnte der Fahrer festgenommen werden. Nach ersten Erkenntnissen gehen die Sicherheitsbehörden nicht von einem politischen oder religiösen Motiv aus.
In der Nikolaikirche am Marktplatz ist es am Dienstagvormittag still. Ein paar Kerzen brennen, Besucherinnen und Besucher gehen vorsichtig ein und aus. Eine Frau in den leeren Reihen wischt sich Tränen aus den Augenwinkeln. "Die Stille in der Stadt ist kaum auszuhalten", schreibt jemand ins Kondolenzbuch, das in der Kirche ausliegt. Trauer, Betroffenheit und Dankbarkeit für eine offene Kirche und einen Platz für das Unaussprechbare mischen sich in den Zeilen.
Die Stadt draußen ist still. Menschen laufen vorsichtig durch die Straßen, keiner hetzt, niemand unterhält sich lautstark. Als könnte ein falscher Ton die Fassungslosigkeit noch schlimmer machen.
Blumen vor der Universitätskirche
Eine Frau steht mit ihrem Stand auf dem Leipziger Marktplatz und verkauft Brot. Wie sonst auch. Der Markt hat schon wieder geöffnet, während die Grimmaische Straße noch gesperrt ist. Die Brotverkäuferin blickt sich um: Es sei nicht weniger los als sonst. Das Brot verkaufe sich auch an diesem Dienstag. "Die Leute kommen, aber …", die Frau bricht ab. "Es ist traurig", beendet sie den Satz. Es sei komisch, hier zu sein. Ungewohnt, nicht so vertraut wie sonst, berichtet sie.
Die Blumenansammlung vor der Universitätskirche, direkt am Augustusplatz, wächst minütlich. "Das ist noch im Kommen", sagt eine Frau der Krisenintervention, sowohl die Trauer als auch die Anteilnahme. Das Team sei da, um mit denen zu reden, die reden wollen und mit denen zu schweigen, die lieber still sind. So wie die Stadt. Schon am Montag habe es eine Krisenbetreuung im Gewandhaus gegeben. "Aber manche sind vielleicht auch direkt nach Hause danach", sagt die Frau. Deshalb sei es wichtig, auch am Dienstag vor Ort zu sein.
"Bislang waren es nur Bilder anderer Orte"
Der Campus der Leipziger Universität liegt direkt an der Grimmaischen Straße, "Bislang waren es nur Bilder anderer Orte", sagt Universitätsprediger Andreas Schüle am Dienstagmittag bei einer spontanen Andacht. Und weiter: "Jetzt ist es hier geschehen."
Uni-Rektorin Eva Ines Obergfell spricht von "tiefer Bestürzung und Trauer". Die Erschütterung sitze tief, es sei ein "Moment, der uns innehalten lässt, der uns sprachlos macht". Gleichzeitig sei sie von tiefem Respekt und Dankbarkeit geprägt. Viele Angehörige der Universität hätten sofort Erste Hilfe geleistet, getröstet und beigestanden.
Nicht alle, die die Andacht hören wollen, passen in die bis auf den letzten Platz gefüllte Universitätskirche. Viele Menschen stehen nach dem Ende noch draußen. Die Hoffnung auf Worte in der Fassungslosigkeit scheint groß zu sein.
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